Grußwort und Eröffung
Prof. Dr. Elisabeth Pott

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

ich begrüße Sie herzlich zur Fachtagung „Kooperation – aber wie? Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“. Ich freue mich, dass Sie als Expertinnen und Experten aus dem Berufsfeld Pränataldiagnostik zu dieser Tagung gekommen sind.

Ganz herzlich begrüße ich auch Frau Welskop-Defaa, die Leiterin der zuständigen Abteilung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Ein herzliches Willkommen auch den Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen ärztlichen Organisationen, der Verbände und Beratungsstellen sowie der Krankenkassen. Besonders danken möchte ich den  Moderatorinnen und Moderatoren, die durch ihr Mitwirken dem BZgA-Modellprojekt „Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“ zum Erfolg verholfen haben sowie den Teams der Universitäten Heidelberg und Göttingen, die dieses Projekt initiiert, durchgeführt und evaluiert haben.

Ziele der Tagung

Die Tagung steht unter zwei Vorzeichen: Wir möchten Ihnen die Ergebnisse und den Verlauf des BZgA-Modellprojektes „Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“ vorstellen und mit Ihnen gemeinsam nach Wegen suchen, die  Zusammenarbeit zwischen ärztlicher und psychosozialer Beratung dauerhaft  zu stärken. Damit soll ein Beitrag zur Verbesserung der Schwangerenbetreuung geleistet werden. Um dieses Feld zu erreichen brauchen wir nachhaltig vernetzte Strukturen, wozu Bundesländer, Standesvertretungen, Krankenkassen, Verbände, also alle an der Versorgung und Begleitung Schwangerer Beteiligten beitragen können.

Pränataldiagnostik – ein sensibles Feld

Unsere Fachtagung beschäftigt sich mit einem sehr sensiblen Thema der Schwangerenvorsorge und -begleitung.  Die BZgA ist mit dem Schwangerschaftskonfliktgesetz beauftragt worden, einen Beitrag zur Vermeidung und Lösung von Schwangerschaftskonflikten zu leisten.  In diesem Zusammenhang befasst sie sich auch mit der Funktion und dem Stellenwert von Pränataldiagnostik. Um bestmögliche Ergebnisse zu erreichen, arbeiten wir eng mit den relevanten Akteuren, die heute auch bei der Tagung anwesend sind, zusammen.

Aufklärung im Feld Pränataldiagnostik

Die Aufklärungs- und Beratungsarbeit muss sich im Bereich Pränataldiagnostik besonderen Herausforderungen stellen. Viele Frauen – insbesondere diejenigen über 35 Jahre- sehen ihre Schwangerschaft häufig als letzte Chance, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. D.h. die Frauen haben ein positives Grundgefühl zu ihrer Schwangerschaft, aus dem heraus sie Pränataldiagnostik als ambivalent erleben: als Chance, etwas über die Gesundheit ihres Kindes zu erfahren, aber auch als Belastung, weil ein „positives“ Ergebnis (im Sinne von Krankheit oder Behinderung) gefunden  werden könnte. Unsere Studie „Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik“ zeigt, dass Schwangere pränataldiagnostische Maßnahmen nutzen, sich aber nicht ausreichend damit auseinandersetzen. 

Die Entscheidungsfindung der Schwangeren beginnt bereits bei der Frage, ob pränataldiagnostische Verfahren (hier sind die über die 3 in den Mutterschaftsrichtlinien vorgesehenen Ultraschalluntersuchungen hinausgehenden Untersuchungen gemeint) in Anspruch genommen werden sollen oder nicht. Schon der Begriff bereitet Probleme. Zur Frage nach der Definition von „Pränataldiagnostik“ gaben in der BZgA-Studie 25 Prozent der befragten Schwangeren an, den Begriff nicht zu kennen. Von den übrigen 75 Prozent verstand ca. ein Drittel etwas Falsches unter „Pränataldiagnostik“.

Aufklärungsarbeit fängt also bei der Begriffserklärung an: Dann geht es darum, in diesem sehr individuellen und höchst sensiblen Feld Schwangeren und ihren Partnern zu ermöglichen, ihre Entscheidungen gut informiert und verantwortlich zu fällen.

Aufklärung und Beratung haben das Ziel, dass Schwangere eine Entscheidung treffen können, mit deren Folgen und Konsequenzen sie auch leben können. Solche Informationen werden aufgrund der stetigen Weiterentwicklung der medizinischen Möglichkeiten immer wichtiger.

Die hohe Inanspruchnahme von Pränataldiagnostik (85% der von uns befragten Frauen ließen mindestens eine definitiv pränataldiagnostische Untersuchung durchführen) deutet darauf hin, dass die medizinischen Angebote heute im Rahmen  der allgemeinen Schwangerenbetreuung selbstverständlich geworden sind: Viele Schwangere gehen davon aus, dass diese Untersuchungen Bestandteil der allgemeinen Schwangerenvorsorge sind; viele nehmen Pränataldiagnostik auf Wunsch/Empfehlung ihres Arztes oder ihrer Ärztin in Anspruch. Die Ärzteschaft hat einen großen Einfluss auf die Entscheidung zur Durchführung der Pränataldiagnostik. Ein Ergebnis des Modellprojektes zeigt, dass Medizinerinnen und Mediziner sich häufig gedrängt fühlen, auf Wunsch der Schwangeren die Entscheidung zu fällen, diese Rollenzuweisung und die damit verbundene Verantwortung selber aber nicht anstreben.

Aus der BZgA-Studie geht ebenfalls hervor, dass die Schwangeren mit der ärztlichen Beratung zu den medizinischen Aspekten zufrieden waren. Sie erhielten ausführliche Beratung z.B. zu Anlass und Ziel der Untersuchung oder der statistischen Risikoeinschätzung. Sehr viel weniger ausführlich fällt jedoch die Beratung zu den Möglichkeiten des Vorgehens bei einem auffälligen Ergebnis oder über Möglichkeiten der Inanspruchnahme psychosozialer Beratung aus.

Der Bekanntheitsgrad der psychosozialen Beratung bzw. deren Inanspruchnahme ist noch gering. Wie wichtig die psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik ist, hat sich in verschiedenen Studien gezeigt. So kommt die Evaluation des BMFSFJ-geförderten Projektes „Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik“ zu dem Ergebnis, dass die Beratung zusammen mit der ärztlichen Versorgung ein selbstverständlicher und integrativer Bestandteil der Betreuung von Schwangeren und ihren Partnern sein sollte. Weitere Ergebnisse zu dieser Evaluation werden Ihnen im Laufe des heutigen Tages von Frau Woopen vorgestellt werden.

Der Kontext des Modellprojekts

Das BZgA-Modellprojekt „Interprofessionelle Qualitätszirkel“ entstand vor dem Hintergrund verschiedener Studienergebnisse. Diese belegen, dass 

  • sich Schwangere –gerade nach auffälligem pränataldiagnostischem Befund – nicht ausreichend beraten fühlen und
  • Schwangere nicht darüber informiert sind, dass sie einen Rechtsanspruch auf (psychosoziale) Beratung haben. Im Schwangerschaftskonfliktgesetz heißt es „Jede Frau und jeder Mann hat das Recht, sich … in Fragen der Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung sowie in allen eine Schwangerschaft unmittelbar oder mittelbar berührenden Fragen von einer hierfür vorgesehenen Beratungsstelle informieren und beraten zu lassen“.

Psychosoziale Beratung ist eine Ergänzung der medizinischen Beratung und Aufklärung vor, während und nach Pränataldiagnostik. Dies gilt insbesondere, wenn im Rahmen pränataldiagnostischer Untersuchungen ein „positiver“ Befund ermittelt wurde oder zu erwarten ist. Dies bedeutet für die Schwangere und ihren Partner nicht selten eine extreme Belastungssituation, in der weitreichende Entscheidungen getroffen werden müssen. Die rein medizinische Aufklärung reicht häufig nicht aus, um die emotionale Belastung in einer solch schwierigen Lage aufzufangen. Da sich alle Schwangeren medizinisch durch einen Gynäkologen oder eine Gynäkologin betreuen lassen, kommt diesen bei der Einbeziehung des psychosozialen Angebotes eine zentrale Rolle zu. Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Situation Schwangerer liegt darin, ärztliche und psychosoziale Beratung zu vernetzen. Wesentlich hierfür ist, dass bestehende Vorbehalte abgebaut werden, Informationen über die Arbeitsweise der jeweils anderen Profession ausgetauscht werden und denkbare Konkurrenzen zwischen ärztlicher und psychosozialer Beratung nicht entstehen.

An diesem Punkt setzt das Modellprojekt an: Aus einem anderen BZgA-geförderten Projekt wissen wir, dass Qualitätszirkel im Gesundheitswesen und in der Prävention eine Möglichkeit sind, Kooperationen zwischen unterschiedlichen Disziplinen zu initiieren, zu verbessern und zu fördern. Die Wirksamkeit der moderierten Qualitätszirkelarbeit als qualitätssicherndes Konzept ist nachgewiesen. Die Zirkelarbeit führt zu einer Intensivierung von Kontakten. Über die Zirkelarbeit, die sich an konkreten „Fällen“ aus dem beruflichen Alltag orientiert, werden die Kompetenzen aller Teilnehmenden eingebunden. Ziel ist die Erarbeitung gemeinsamer interdisziplinärer Lösungsstrategien für jeden einzelnen Fall.

Das Modellprojekt konkret

Die BZgA hat die Erfahrungen der Universität Göttingen zur Qualitätszirkelarbeit mit dem in Studien belegten Anliegen der Universität Heidelberg, die Kooperation von Medizin und psychosozialer Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik zu verbessern, zu einem Modellprojekt verbunden. 

An insgesamt 6 Standorten wurden interprofessionelle Qualitätszirkel initiiert, d.h. Ärztinnen und Ärzte sowie Fachkräfte anderer Professionen, die im Feld Pränataldiagnostik tätig sind,  wurden zur Teilnahme gewonnen.

  • In einer 1. Projektphase wurden in den Universitätsstädten Heidelberg, Mannheim und Freiburg Teilnehmerinnen und Teilnehmer geworben. Die so entstandenen Qualitätszirkel arbeiteten mehr als ein Jahr erfolgreich zusammen.

Da aber in dieser Phase erkennbar wurde, dass die niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen nicht gut erreicht wurden, wurden

  • für die 2. Phase Schwerin, Erfurt und Augsburg als Standorte ohne Universitäts-Frauenkliniken ausgewählt. Hier beteiligten sich niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen.

Über die Einzelheiten und die Bedingungen an den Standorten wird später ausführlich informiert werden.

Die Zusammenarbeit der ärztlichen und psychosozialen Beratung erwies sich als erfolgreich. Z. B. hat sich die Wahrnehmung bzw. Sensibilität für die Themen der jeweils anderen Berufsgruppe positiv verändert. Im Alltag, so die Angaben der Teilnehmenden, wirkt sich das in der Setzung anderer Schwerpunkte aus. Beraterinnen thematisieren aktiver das Thema Pränataldiagnostik in Beratungsgesprächen, die aus anderem Anlass stattfinden oder suchen vermehrt den Kontakt zu Gynäkologinnen und Gynäkologen.  Ärztinnen und Ärzte sind sensibler für die psychosoziale Situation ihrer Patientinnen und/oder sie empfehlen aktiv und überzeugt die psychosoziale Beratung.
 
Bei beiden Berufsgruppen handelt es sich also sowohl um eine Veränderung der Zusammenarbeit als auch der eigenen Wahrnehmung.

Im Verlauf der Modellphase sind Synergieeffekte entstanden; so brachte die intensive Fallarbeit an allen Standorten Erkenntnisse zur verbesserten Zusammenarbeit zwischen psychosozialer und ärztlicher Beratung. Dies schlägt sich in den Handlungsempfehlungen nieder, die in den interprofessionellen Qualitätszirkeln erarbeitet und erprobt wurden und heute zur Diskussion gestellt werden.

Die wissenschaftliche Begleitung des Modellprojekts zeigt, dass das Ziel, das Kompetenzspektrum der jeweils anderen Berufsgruppe besser kennen zu lernen, erreicht wurde.

  • Für die Ärzteschaft bedeutet es Entlastung, wenn sie Patientinnen an ihnen bekannte Beraterinnen verweisen kann.
  • Die fachübergreifende Zusammenarbeit zwischen psychosozialer und ärztlicher Beratung konnte verbessert werden.
  • Die fachspezifischen Unterschiede und die unterschiedlichen Aufgaben bleiben erhalten. Es wird jedoch wechselseitig stärker bewusst, dass sich die  medizinische Beratung häufig auf die medizinischen Möglichkeiten und Grenzen konzentriert und im Rahmen der psychosozialen Beratung Themen aufgegriffen werden können, die den Patientinnen/Klientinnen oft erst mit zeitlichem Abstand zur pränataldiagnostischen Diagnose bewusst werden.

In der Qualitätszirkel-Arbeit geht es um praktische Vorschläge und ihre Umsetzung zur Optimierung der Zusammenarbeit. Im Modellprojekt wurde dieses umgesetzt. Dazu gehören zum einen sehr konkrete Vorschläge zur Kooperation, zum Informationsaustausch, zur Weiterverweisung und zur Verankerung der psychosozialen Beratung. Zum anderen werden die schwierigen Aspekte wie z.B. „zu wenige Fälle in der Beratungspraxis“ versus „medizinische und psychosoziale Beratung sollen zeitlich und räumlich getrennt erfolgen“ nicht verschwiegen. Insofern erwartet Sie eine sicher auch kontroverse Diskussion.

Handlungsempfehlungen

Die im Projekt erarbeiteten Handlungsempfehlungen, die Sie in der Tagung diskutieren werden, gehen auf die bereits beschriebene sensible Situation zwischen ärztlicher und psychosozialer Beratung ein. Es ist sicher nicht alles 1:1 umzusetzen, weil viele Partner im Feld mit unterschiedlichen Voraussetzungen vor Ort agieren. Es hat sich aber gezeigt, dass viel Wirksames mit geringem Aufwand realisierbar ist.

Unterstützung der Nachhaltigkeit

Ein deutlicher Ausdruck von Nachhaltigkeit ist es, dass aktuell an 4 von 6 Standorten weiterhin interprofessionelle Qualitätszirkel arbeiten und somit die Kooperation aktiv weitergeführt wird, obwohl die Modellphase abgeschlossen ist. Dies geschieht erfreulicherweise mancherorts mit Unterstützung der zuständigen Landesministerien und/oder mit Unterstützung der Träger. Ich bin gespannt darauf, wie sich die so gefundenen Kooperationen etablieren.

Über den während des Projektes vielfach geäußerten Wunsch nach Vernetzung, Erfahrungs- und Informationsaustausch wird im Verlauf der Diskussion unter dem Stichwort „Nachhaltigkeit“ noch mehr gesagt werden. Die BZgA wird, dort wo es möglich ist, die  Vernetzung bestehender Angebote unterstützen, z.B. durch einen „Initiativkreis“, der die lokale oder regionale Zusammenarbeit fördert und zur Verankerung von Strukturen beitragen kann. Durch eine  Beteiligung der  Vertretungen der beteiligten Berufsgruppen, der zuständigen Landesministerien, der Beratungsträger und weiterer im Feld Tätiger kann die lokale Arbeit stark unterstützt werden. Dies zeigt eine Initiative einiger der am Modellprojekt beteiligten Bundesländer: Sie händigen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Zertifikat aus und fördern die weitere Arbeit der interprofessionellen Qualitätszirkel.
Ehe nun Ihre Vorträge und die Diskussionsrunden beginnen, möchte ich denjenigen noch einmal ganz herzlich danken, die maßgeblich zum Erfolg des Projektes beigetragen haben:

  • Den Moderatorinnen und Moderatoren der sechs Qualitätszirkel, die mit hohem Engagement die Zirkel lebendig erhalten haben und die Grundlagen gelegt haben für die Diskussion der Handlungsempfehlungen,
  • dem Team von Professor Cierpka und Frau Dr. Riehl-Emde aus Heidelberg, die das Projekt angestoßen haben, durch die Präsenz bei den Zirkeln und die wissenschaftliche Begleitung die Grundlagen für die Implementierung gelegt haben und
  • Herrn Dr. Bahrs und seinem Team, die die Moderationsschulung ermöglicht und begleitet haben und deren Ergebnisse den Beleg dafür liefern, dass interprofessionelle Qualitätszirkel auch in einem hochsensiblen Arbeitsfeld wie der Pränataldiagnostik einen wesentlichen Baustein zur Kooperationsförderung bilden.

Ihnen allen herzlichen Dank!

Ich wünsche uns eine interessante Tagung und viele umsetzungsfähige Ideen zur nachhaltigen Weiterentwicklung der Zusammenarbeit zwischen ärztlicher und psychosozialer Beratung zur Unterstützung Schwangerer und ihrer Partner.

 

Prof. Dr. Elisabeth Pott
Prof. Dr. Elisabeth Pott ist Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.mehr