Dokumentation der Podiumsdiskussion
Möglichkeiten der Implementierung und weiteres Vorgehen

BZgA-Fachtagung Kooperation – aber wie? Interprofessionelle Zusammenarbeit in der Pränataldiagnostik

Zum Abschluss der Fachtagung fand eine Podiumsdiskussion statt, auf der Strategien und Perspektiven für die Fortführung und Verstetigung der interprofessionellen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Pränataldiagnostik erörtert wurden.

Die Podiumsteilnehmerinnen und –teilnehmer waren:

  • Eckhard Schroll, Leiter der Abteilung Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung der BZgA, Köln
  • Dr. med. Robin Schwerdtfeger, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Zentrum für Pränataldiagnostik und Humangenetik, Hannover
  • PD Dr. med. Christiane Woopen, Privatdozentin am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Köln
  • Bianka Mohn, Diplom-Psychologin beim Deutschen Roten Kreuz Nordwestmecklenburg

Die Moderation der Podiumsdiskussion erfolgte durch Prof. Dr. Manfred Cierpka, Ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Manfred Cierpka eröffnete die Diskussion mit der Bitte an das Podium, die Bedeutung der aus den Qualitätszirkeln gewonnenen Handlungsempfehlungen und ihre Zukunftsfähigkeit im Hinblick auf die Praxis zu bewerten: „Wie wichtig sind Handlungsempfehlungen für die Praxis? Was kann getan werden, um die Handlungsempfehlungen umzusetzen?“ 

Zu Beginn der Diskussion gingen die Expertinnen und Experten explizit auf das Ziel ein, das mit den Handlungsempfehlungen erreicht werden soll: eine optimale Versorgung in der Schwangerschaft durch bessere Kooperation. Eckhard Schroll von der BZgA forderte, „Eltern müssen auf radikale Fragen Antworten bekommen, auf beiden Ebenen psychosozial und medizinisch! Das muss in Zukunft noch besser funktonieren. In den Verbänden und den Berufsverbänden der beiden Professionen und auf Landesebene muss diskutiert werden, wie das umgesetzt werden kann.“ Insbesondere bei einem auffälligen vorgeburtlichen Befund, der auf eine zu erwartende Erkrankung oder Behinderung des Kindes hinweise, sei eine gute Zusammenarbeit verschiedener Professionen unverzichtbar, so Christiane Woopen.

In der Diskussion über die Umsetzbarkeit der Handlungsempfehlungen spielten vor allem zwei Aspekte eine wichtige Rolle: die Herstellung von Verbindlichkeit in der Kooperation und die Befähigung der beteiligten Berufsgruppen.

In bezug auf eine stärkere Verankerung einer interprofessionellen Zusammenarbeit wurden verschiedene Überlegungen angestellt. Frau Woopen vertrat die Auffassung, dass die in der Pränataldiagnostik tätigen Ärztinnen und Ärzte zu einer Kooperation mit unabhängigen psychosozialen Beratungsstellen verpflichtet werden sollten. Der Nachweis der Zusammenarbeit mit einer solchen Beratungsstelle müsse Bestandteil der DEGUM II  und DEGUM III - Zertifikate  werden und auch von Ärztinnen und Ärzten erbracht  werden, die den Routine-Ultraschall in der 20. Schwangerschaftswoche anwenden. Dazu bedürfe es einer formalen Implementierung, zum Beispiel durch die Aufnahme in die Mutterschaftsrichtlinien.  Die konkrete Ausgestaltung der Kooperation könne dann in der Praxis unterschiedlich gehandhabt werden, sei es durch Überweisung an eine Beratungsstelle oder durch die Zusammenarbeit mit Beraterinnen in den Räumen der Arztpraxis.  

Robin Schwerdtfeger wandte sich gegen die Aufnahme einer Kooperationsverpflichtung in die DEGUM-Zertifikate und setzte auf Freiwilligkeit. Man dürfe die Ärzteschaft nicht überfordern, indem man sie verpflichte, allein die Strukturen für eine Zusammenarbeit zu schaffen. Die Kooperation müsse von beiden Seiten gewollt und gestaltet werden. Um dies zu erreichen, sei noch einiges an Überzeugungsarbeit innerhalb der Ärzteschaft zu leisten, aber auch die Beraterinnen müssten stärker auf Ärztinnen und Ärzte zugehen. Grundsätzlich seien die Handlungsempfehlungen für Schwerpunktpraxen der Pränataldiagnostik gut geeignet, für Kliniken sei es schwieriger, psychosoziale Beratung zu gewährleisten. Sehr wichtig für eine erfolgreiche Implementierung sei es, die gewachsenen Strukturen in der jeweiligen Region zu berücksichtigen. Auch Bianka Mohn unterstrich in ihrem Statement die Bedeutung der regionalen Strukturen für die Umsetzung der Handlungsempfehlungen. 

Ein weiterer wesentlicher Diskussionspunkt war die Frage der Fort- und Weiterbildung der Beraterinnen. Robin Schwerdtfeger forderte mehr Transparenz über die Qualität der psychosozialen Beratung. Vielen Ärztinnen und Ärzten sei unklar, worin die Qualifikation der Beraterinnen bestehe; sie würden ihre Patientinnen aus diesem Grund möglicherweise nicht an Beratungsstellen verweisen. Ihre Bereitschaft mit Beratungsstellen zu kooperien, könnte sich erhöhen, wenn Beraterinnen durch einen verbandsübergreifenden allgemeingültigen Nachweis ihre Befähigung zu Beratung bei Pränataldiagnostik nachweisen könnten.

Bianka Mohn sah das Problem eher in der mangelnden Kenntnis der Inhalte psychosozialer Beratung und der Abgrenzung zu medizinischer Beratung. „Während Ärzte zum Befund beraten, gibt die psychosoziale Beratung Antwort auf Befindlichkeiten. Es geht um emotionale Unterstützung, Stärkung und die Aktivierung familiärer und sozialer Netze.“ Sie führte aus, dass Beraterinnen durch ein Hochschul- oder Fachhochschulstudium angemessen ausgebildet seien und in der Mehrzahl über Zusatzqualifikationen in Beratung verfügten. Auch die Wohlfahrtsverbände hätten bewiesen, dass sie aktuelle Bedarfe für zusätzliche Qualifikation angemessen beantworteten. Der Idee trägerübergreifender Fortbildungen könne sie sich aber grundsätzlich öffnen.

Christiane Woopen wies darauf hin, dass die Beratung zu Pränataldiagnostik hohe Anforderungen an die Qualifikation und an die persönliche Belastbarkeit einer Beraterin stelle. Nicht jede Mitarbeiterin einer Beratungsstelle müsse sich darauf spezialisieren. Es sei jedoch wichtig, ein Netz von Beraterinnen mit einer ausweisbaren Qualifikation in der Beratung zu Pränataldiagnostik vorzuhalten. Trotz des Engagements der Wohlfahrtsverbände auf dem Gebiet der Pränataldiagnostik sei dieses Netz noch nicht flächendeckend vorhanden. Sie machte den Vorschlag, die Wohlfahrtsverbände sollten aus ihrem jeweiligen Verband heraus Fortbildungsmodule entwickeln und extern zertifizieren lassen. Auf diese Weise könnte die Qualität der psychosozialen Beratung für Außenstehende transparenter werden.

Manfred Cierpka hob hervor, wie wichtig beide Berufsgruppen für eine gute Versorgung der schwangeren Frauen bzw. werdenden Eltern seien. Nicht nur die jeweilige Qualifikation müsse optimal sein, auch die Fähigkeit zur Kooperation sei eine zentrale Kompetenz. Ärztinnen und Ärzte müssten offener gegenüber psychosozialer Beratung werden und sie stärker in ihr Alltagshandeln einbeziehen. Umgekehrt könnte dieser Prozess befördert werden, indem die in der Beratung zu Pränataldiagnostik tätigen Verbände in Zukunft für eine größere Transparenz sorgen.

Einen hohen Stellenwert hatte die Fragestellung „Welche Strukturen müssen aufgebaut, verbessert und unterstützt werden? Für welchen Kontext ist welches Kooperationsmodell sinnvoll?“ Die Diskutierenden waren sich einig, dass Qualitätszirkel zur Anbahnung von Kontakten und zur gegenseitigen Sensibilisierung zu empfehlen seien. Das zeigten sowohl die Auswertung der von der BZgA unterstützten Qualitätszirkel als auch die eigenen positiven Erfahrungen. Mit Hilfe von Qualitätszirkeln könnten nachhaltige Kooperationen aufgebaut werden, ob durch verbindliche Überweisungsstrukturen oder durch ein Integrationsmodell.

Für das Integrationsmodell sprächen die Förderung der Inanspruchnahme psychosozialer Beratung durch die Präsenz in der Praxis und  der direkte Kontakt von Ärztin/Arzt und Beraterin. Diese Vorteile entfielen bei einem Überweisungsmodell, jedoch signalisiere dieses deutlicher die Unabhängigkeit psychosozialer Beratung von medizinischer Beratung und Diagnostik. Auch äußere Faktoren und Umstände, wie zum Beispiel die Auslastung durch ausreichende Fallzahlen, die räumlichen Kapazitäten einer Praxis oder die Zumutbarkeit der Anfahrt könnten ausschlaggebend dafür sein, welches Modell vor Ort sinnvoll erscheine.

Wünschenswert für den weiteren Aufbau und die Etablierung von Kooperationen sei auch das Engagement der Länder, so die einhellige Meinung der Diskutierenden. Es wurden gelungene Beispiele für die Unterstützung von Qualitätszirkeln durch die Landesministerien in Mecklenburg-Vorpommern und in Niedersachsen angeführt. Neben politischer Unterstützung sei auch die Förderung von bestimmten Maßnahmen denkbar. So habe sich beispielsweise die Förderung der Moderatoren-Schulung in Mecklenburg-Vorpommern sehr bewährt. Den Trägern von Beratungsstellen dürften nicht allein die finanziellen Risiken der Implementierung aufgebürdet werden, auch die Länder müssten dafür Ressourcen zur Verfügung stellen. Ein weiterer Bereich, in dem die Länder gegebenenfalls aktiv werden sollten, sei die Anpassung der Anerkennungsrichtlinien.

Dazu Eckhard Schroll von der BZgA: „Die positiven Erfahrungen aus den verschiedenen Modellprojekten sollen weiter getragen werden. Die BZgA möchte hierüber auch in eine Diskussion mit den Ländern eintreten. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Bundesländern, so dass die interprofessionelle Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Pränataldiagnostik in naher Zukunft auf die Agenda gesetzt werden kann. Es müssen dann für jedes Bundesland passende Lösungen gefunden werden. Unser Ziel sind nachhaltig etablierte Kommunikationsstrukturen zum Wohl der werdenden Eltern.“

Im zweiten Teil der Podiumsdiskussion erhielt das Fachpublikum Gelegenheit, eigene Erfahrungen, Meinungen und Standpunkte zur interprofessionellen Kooperation in die Diskussion einzubringen.

Teilnehmerinnen, die selbst an einem Qualitätszirkel teilgenommen hatten, schilderten diese als sehr hilfreich für das eigene professionelle Handeln. Die Entwicklung und Fixierung von Handlungsleitlinien sei wichtig, der entscheidende Effekt der Zirkelarbeit bestehe jedoch in einem Lern- und Kommunikatonsprozess. Durch das persönliche Kennenlernen und die Auseinandersetzung über konkrete Themen sei man zu einer gegenseitigen Annäherung gelangt. „Was meinen wir, wenn wir von Beratung sprechen? Es gab da bei den Ärzten und bei uns ganz unterschiedliche Herangehensweisen“, so eine Beraterin. In den Qualitätszirkeln sei der Austausch über das jeweilige Verständnis von Beratung von großer Bedeutung gewesen. Man habe erkannt, dass die Berufsgruppen nicht konkurrieren müssen, sondern sich gegenseitig ergänzen können. Und eine Ärztin von Profamilia bekräftigte: „Eine gelungene Kooperation ist eine große Chance für die ärztliche Versorgung.“

Skeptischer äußerte sich hingegen Professor Dr. Eberhard Merz, Leiter der Sektion Gynäkologie und Geburtshilfe in der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin. Qualitätszirkel seien zwar grundsätzlich ein brauchbarer Ansatz, aber das Ziel der interprofessionellen Zusammenarbeit sei zu hoch gesteckt. Zum einen sei die Beratung zu pränataler Diagnostik eine primär ärztliche Aufgabe. Zum anderen solle man schwangere Frauen, die möglicherweise schon von mehreren Ärztinnen und Ärzten beraten und untersucht worden seien, nicht überfordern, indem man sie zusätzlich in die psychosoziale Beratung überweise.

Dagegen wandten mehrere Teilnehmerinnen ein, dass gerade in schwierigen Fällen eine unabhängige und nicht-ärztliche Beratung anzuraten sei. Christiane Woopen führte Ergebnisse einer Studie an, nach der ein großer Teil der befragten Frauen im Nachhinein sogar einer Pflichtberatung zu Pränataldiagnostik zustimmten. Dies stehe im Gegensatz zu der Meinung der meisten Professionellen, die es ablehnten, eine Pflichtberatung einzuführen. Auch Robin Schwerdtfeger machte deutlich, dass er ein Pflichtberatung für die Frau ablehne. Er könne sich jedoch vorstellen, dass Ärztinnen und Ärzte sich verpflichten, ihren Patientinnen psychosoziale Beratung zu empfehlen.

Mechthild Paul von der BZgA führte aus, dass nicht jede schwangere Frau eine psychosoziale Beratung benötige, auch wenn die Mehrheit bestimmte vorgeburtliche Untersuchungen in Anspruch nehme. Es müsse vielmehr stärker definiert und präzisiert werden, für welche Zielgruppen eine psychosoziale Beratung sinnvoll sei. Diese Frauen müssten dann von den Angeboten noch besser erreicht werden. Dazu könne die Qualitätszirkelarbeit als Vehikel dienen.

Ein weiterer zentraler Schwerpunkt der Diskussion bestand in Vorschlägen und Hinweisen, wie das Beratungs- und Versorgungsnetz mit Hilfe von Qualitätszirkeln ausgebaut werden könne. Zum Beispiel sei es wünschenswert, Mitglieder aus Selbsthilfe-Initiativen und Fachkräfte aus der Behindertenhilfe stärker in die Qualitätszirkelarbeit einzubeziehen. Bei einer zu erwartenden Behinderung des Kindes seien die Eltern auf lebenspraktische Unterstützung angewiesen. Der frühzeitige Kontakt mit anderen betroffenen Familien und Angebote der Behindertenhilfe versorge sie mit wichtigen Informationen und ermutige sie, mit einem behinderten Kind zu leben. Eine Teilnehmerin machte in diesem Zusammenhang auf das in Bayern angesiedelte Kooperations-Projekt "Unter anderen Umständen schwanger" aufmerksam, das auch auf andere Modellprojekte übertragen werden könne. Auch die Seelsorge müsse stärker integriert werden, forderte eine Teilnehmerin. Die auf dem Gebiet der Pränataldiagnostik tätigen Seelsorgerinnen und Seelsorger würden bisher unter psychosozialer Beratung subsummiert. Dies sei wenig zufriedenstellend, da die Seelsorge sich von psychosozialer Beratung konzeptionell unterscheide.

An der Diskussion über die weitere Implementation von Qualitätszirkeln nahmen auch Vertreterinnen von Verbänden und aus Landesministerien teil. Donum vitae kündigte an, der Verband werde sich für die Teilnahme seiner Beraterinnen an Qualitätszirkeln einsetzen. Die Entscheidung bleibe jedoch den Trägern überlassen, da der Bundesverband nicht weisungsbefugt sei. Regina Jürgens vom Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz, Bioethik und Recht in Hamburg äußerte sich grundsätzlich positiv zu dem Vorhaben eines Qualitätszirkels, es seien jedoch wenig finanzielle Ressourcen vorhanden. Christine Schulze vom Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit konnte keine verbindliche Zusage machen, das Ministerium habe jedoch den Kontakt mit der Landesärztekammer aufgenommen, um die Ärzteschaft für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.

Auch die BZgA wolle für interprofessionelle Kooperation werben und sich darum bemühen, die Verantwortlichen an einen Tisch zu bekommen, bekräftigte Eckhard Schroll. Er kündigte einen von der BZgA moderierten Initiativ-Kreis an, um die in den Qualitätszirkeln gewonnenen Erfahrungen mit EntscheidungsträgerInnen auszutauschen und die interprofessionelle Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Pränataldiagnostik in den Verbänden und auf Ebene der Länder voran zu bringen.

Dokumentation: Lucia Gacinski