Gisela Pingen-Rainer:
Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik – Aufgaben der psychosozialen Beratung
Referat und Präsentation

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich spreche zu Ihnen als Referentin des Sozialdienstes katholischer Frauen, der bundesweit ca. 120 Schwangerschaftsberatungsstellen in Deutschland unterhält. Einige unserer Beratungsstellen waren auch bei den hier heute vorgestellten interprofessionellen Qualitätszirkeln beteiligt. Das Thema „Pränataldiagnostik und ihre Auswirkungen auf schwangere Frauen“ beschäftigt uns in der Schwangerschaftsberatung seit langem. Wir haben daher - wie andere Beratungsverbände auch- die psychosoziale Beratung konzeptionell für die speziellen Beratungserfordernisse im Kontext von Pränataldiagnostik und zu erwartender Behinderung des Kindes weiterentwickelt. Im Folgenden möchte ich auf die Aufgaben der psychosozialen Beratung von schwangeren Frauen und ihren Partnern eingehen.

Einführung

Seit der Einführung pränataldiagnostischer Methoden in der Schwangerschaft in den 70er Jahren hat ein rasanter medizinischer Fortschritt stattgefunden. Die Entwicklung der vorgeburtlichen Diagnostik geht immer mehr in die Richtung, frühzeitigere und weniger invasivere Verfahren anzubieten um Risikoabschätzungen für Störungen der embryonale/fötale Entwicklung des Kindes – vor allem für das Down Syndrom- möglich zu machen und Fehlbildungen zu diagnostizieren. War die PND ursprünglich für den Einsatz bei so genannten Risikoschwangeren gedacht, so hat sich bis heute eine allgemeine Anwendung durchgesetzt, das heißt die Untersuchung des Ungeborenen ist quasi zur neuen Norm geworden. Eine aktuelle repräsentative Studie der BZgA belegt, dass mittlerweile 85% aller Schwangeren mindestens eine gezielte vorgeburtliche Untersuchung vornehmen lassen.  

Mit dem medizinischen Fortschritt und der routinemäßigen Anwendung von PND werden in unserer Gesellschaft zunehmend Nutzen und Risiken der Diagnostik intensiver diskutiert. Im Mittelpunkt der Diskussion steht der gesellschaftliche und individuelle Umgang mit Behinderung, denn die Brisanz der PND liegt darin, dass sie nicht nur behandelbare Probleme des Kindes diagnostizieren kann, sondern auch Befunde erhebt, für die es keine Therapie gibt und die häufig den Abbruch der Schwangerschaft zur Folge haben. An dieser Stelle zeigen sich dann sich die ethischen und darüber hinaus die mit der derzeitigen Rechtslage verbundenen juristischen Probleme bei der Frage des Schwangerschaftsabbruchs.

Aufgrund der ethischen und juristischen Probleme, die Pränataldiagnostik aufwirft und die unmittelbare Folgen für die betroffenen Frauen und Paare haben, müssen hohe Anforderungen an die Beratung in der Pränataldiagnostik gestellt werden. Diese Beratung ist bislang von medizinischen Gesichtspunkten dominiert, obwohl bei den Entscheidungen, die getroffen werden müssen, in hohem Maße soziale und psychische Aspekte eine Rolle spielen. Vor allem Frauen, die sich mit einer diagnostizierten Störung ihres Kindes konfrontiert sahen, haben in den letzten Jahren deutlich gemacht, dass es ihnen neben der medizinisch dominierten ärztlichen Beratung zur PND an psychosozialer Beratung und Begleitung gefehlt hat, als sie „unmögliche“ existenzielle Entscheidungen treffen mussten. 

Um Frauen und Paaren in Entscheidungssituationen vor, während und nach vorgeburtlicher Diagnostik ein Beratungsangebot zu machen, haben die Verbände der Schwangerschaftsberatung vor einigen Jahren damit begonnen, Beratungskonzepte zu entwickeln, die die speziellen Fragestellungen der vorgeburtlichen Diagnostik aufgreifen.

Im Folgenden will ich darauf eingehen, welche Aufgaben die psychosoziale Beratung bei PND zum derzeitigen Zeitpunkt erfüllt, welche Rolle die Kooperation mit Ärzten und anderen Professionen dabei spielt und wie die psychosoziale Beratung weiter entwickelt werden kann.

Selbstverständnis der psychosozialen Beratung

Psychosoziale Beratung im Kontext von PND fußt auf den allgemeinen Grundsätzen institutioneller Beratung wie sie von den Mitgliedsverbänden des Deutschen Arbeitskreises für Jugend-, Ehe- und Familienberatung  vertreten werden. Beratung versteht sich hiernach als spezifische Form der Unterstützung und Begleitung Ratsuchender bei ihren Fragen und Problemen, Konflikten und Krisen im Kontext ihrer Lebensbezüge und allgemeinen Lebensplanung. Sie ist gerichtet auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, deren Entwicklungsmöglichkeiten und Konflikte. Beratung hat prozesshaften Charakter und ist darauf angelegt, im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe Ratsuchende zu unterstützen, mit ihren Fragen und Problemen besser umgehen zu lernen und für sie geeignete Problemlösungen zu finden. Der ressourcenorientierte Blick der Beratung stärkt die Selbsthilfekräfte und Eigenverantwortung der Ratsuchenden und beugt auf diese Weise der Chronifizierung von Störungen vor.

Psychosoziale Beratung ist von ihrem Selbstverständnis her an institutionelle Standards und Rahmenbedingungen gebunden. Sie stellt ein Gesprächsangebot dar, welches die Ratsuchenden auf freiwilliger Basis annehmen können, um sich ihre Sorgen von der Seele reden zu können, die eigenen Gefühle und Reaktionsweisen zu verstehen und bei der Suche nach Lösungen unterstützt zu werden. Psychosoziale Beratung ist ein Gesprächsangebot zur Klärung einer akuten Situation und grenzt sich deutlich ab von Psychotherapie.

Die psychosoziale Beratung im Kontext von PND findet in einer spezifischen Lebenssituation statt (vor, während, nach einer Schwangerschaft), die den Rat suchenden schwangeren Frauen und Eltern vielfach existenzielle Entscheidungen über den Umgang mit ihrer Schwangerschaft bzw. ihrem ungeborenen Kind abverlangt. Sie knüpft in der Regel dort an, wo medizinische Information und Aufklärung enden und die persönliche Auseinandersetzung mit den anstehenden Fragen gesucht wird.

Auftrag der psychosozialen Beratung aus dem Schwangerschaftskonfliktgesetz

Das Schwangerschaftskonfliktgesetz von 1995 enthält erstmals in §2 das Recht einer jeden Frau und eines jeden Mannes, sich in allen unmittelbar oder mittelbar berührenden Fragen einer Schwangerschaft von einer hierfür vorgesehenen (Schwangerschafts-)Beratungsstelle informieren und beraten zu lassen.  Der Anspruch auf Beratung definiert die Aufgaben der Beratung, die psychische und soziale Aspekte der Bewältigung einer Schwangerschaft berücksichtigen soll und somit als psychosozial zu kennzeichnen ist. Für die Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik sind vor allem folgende Inhalte des Gesetzes bedeutsam:
Die Beratung über Hilfsmöglichkeiten, die bei der Geburt eines behinderten Kindes zur Verfügung stehen, die Beratung über Methoden, mögliche Folgen und Risiken eines Schwangerschaftsabbruchs und die Beratung zu Lösungsmöglichkeiten für psychosoziale Konflikte im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft.

Die institutionelle Schwangerschaftsberatung der Träger der freien Wohlfahrtspflege wird für die Erfüllung der allgemeinen Aufgaben nach §2 SchKG gemäß der fachlichen Standards aus den Länderrichtlinien von den Bundesländern gefördert. Die Schwangerschaftsberatungsstellen halten demnach flächendeckend ein qualifiziertes psychosoziales Beratungsangebot vor, das sich dadurch auszeichnet, dass der Zugang freiwillig ist, die institutionelle Eigenständigkeit gewahrt ist und die psychosoziale Beratung unabhängig von den Implikationen medizinischer Behandlung möglich ist. Die Träger der Schwangerschaftsberatungsstellen gewährleisten die Qualifizierung ihrer Beraterinnen durch spezielle auf Gesprächsführung und Sozialrecht hin orientierte Fortbildung und Supervision. Die Wohlfahrtsverbände und ihre Fortbildungsinstitute haben insbesondere in den letzten Jahren zahlreiche Beraterinnen für die speziellen Aufgaben der Beratung und Begleitung bei Pränataldiagnostik und zu erwartender Behinderung des Kindes qualifiziert. Beraterinnen haben sich spezielles Wissen über Diagnoseverfahren, verschiedene Arten frühkindlicher Entwicklungsstörungen und Behinderungen, Familien unterstützende Maßnahmen und soziale Hilfen bei Behinderung angeeignet sowie sich eingehend mit den ethischen Fragen und gesellschaftlichen Auswirkungen der PND auseinandergesetzt.

Da der Rechtsanspruch auf Beratung nach §2 SchKG bei schwangeren Frauen allgemein wenig bekannt ist, wird von den Wohlfahrtsverbänden nach wie vor befürwortet, das Recht auf Beratung in allen Fragen einer Schwangerschaft in den Mutterpass aufzunehmen, den jede schwangere Frau erhält. Bislang lehnt der gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen dies jedoch ab. Um den Bekanntheitsgrad der psychosozialen Beratung bei schwangeren Frauen und Paaren weiter zu erhöhen, hat auch die BZgA Materialien erstellt, die über die Beratungsmöglichkeiten bei Pränataldiagnostik informieren.

Aufgaben der psychosozialen Beratung im Kontext von PND

Psychosoziale Beratung soll es Frauen und Paaren ermöglichen, die komplexen medizinischen Sachverhalte der Pränataldiagnostik und ihrer Ergebnisse in der Bedeutung für ihr persönliches Leben zu begreifen und durch Wissen und Reflexion entscheidungskompetent zu werden. In der Beratung kann eine Auseinandersetzung mit den möglichen Konsequenzen vorgeburtlicher Diagnosen stattfinden und Frauen/Paare werden bei der Auseinandersetzung mit den ethischen Fragen und individuellen Entscheidungen in Bezug auf das Austragen des Kindes oder den Schwangerschaftsabbruch begleitet. Die Beratung bietet einen geschützten Raum um zu informierten und gereiften Entscheidungen zu gelangen.

Die Beratung ist eingebunden in ein spezielles Beratungssetting. Im Ansatz ist sie niedrigschwellig und für jeden – Frauen und Männer, Frauen in Begleitung von Angehörigen- zugänglich. Sie findet zumeist nach zeitnaher und am Bedarf orientierter kurzfristiger Terminvereinbarung statt, aber auch in offenen Sprechstunden. Die Beratung im geschützten störungsfreien Raum kann variabel hinsichtlich ihrer Dauer und der Frequenz der Gespräche gestaltet werden. Ein Erstgespräch dauert ca. 1 bis 1,5 Stunden. Je nach Bedarf können aufeinander folgend mehrere Gespräche stattfinden. In manchen Beratungsstellen findet auch aufsuchende Arbeit statt, z. B. in dem Beraterinnen Frauen in Kliniken aufsuchen und dort beraten.  

Die Inhalte und Aufgaben der psychosozialen Beratung gestalten sich gemäß ihrer Zielsetzung unterschiedlich je nach Zeitpunkt im Prozess der Schwangerschaft. Die Bedürfnisse der Rat suchenden Frauen unterscheiden sich erheblich je nach ihrer Vorgeschichte und dem Beratungsanlass. Die Frage, ob es um ein Überdenken anstehender Untersuchungen geht oder bereits eine Situation eingetreten ist, in der eine Diagnose oder Prognose des Kindes/der Kinder vorliegt oder ob bereits die Geburt bzw. ein Schwangerschaftsabbruch stattgefunden hat, bestimmt entscheidend die speziellen Aufgaben des psychosozialen Beratungsgesprächs. Ich möchte hier einige Beratungsanlässe nennen:

Vor etwaiger Diagnostik (meist in der Frühschwangerschaft) geht es darum, Frauen und Paare darüber zu informieren und aufzuklären, was vorgeburtliche Untersuchungen leisten und was sie für die Schwangerschaft  und die Beziehung zum Ungeborenen bedeuten, welche Konsequenzen sich aus der Diagnostik ergeben können und welche ethischen Entscheidungskonflikte mit der Diagnose eines pathologischen Befundes verbunden sein können. Die psychosoziale Beratung leistet hier Entscheidungshilfe, ob, und wenn ja, welche Untersuchungen gegebenenfalls für die Frau/das Paar in Frage kommen und wie eine unterstützende Schwangerenbetreuung gewährleistet werden kann.

Während des diagnostischen Prozesses, wo möglicherweise erste Anhaltspunkte für eine Störung beim Kind vorliegen, jedoch noch auf weitere Untersuchungsergebnisse gewartet werden muss, bietet die psychosoziale Beratung Raum, sich mit den Sorgen und Ängsten in Bezug auf die Schwangerschaft (und ihr mögliches Ende) auseinanderzusetzen und den Gesprächsbedarf zur Klärung der persönlichen Gefühle zu decken.

Nach einem pathologischen Befund und meist zum fortgeschrittenen Zeitpunkt in der Schwangerschaft scheint die Notwendigkeit der psychosozialen Beratung am offenkundigsten, denn dann ist die Situation der Eltern hochgradig psychisch belastet und krisenhaft. Wenn bis dahin noch ein hoffnungsvolles Warten auf ein gutes Ergebnis möglich war, so stellt ein pathologischer Befund ein einschneidendes Erlebnis dar, das häufig Symptome der Überforderung hervor ruft (Sprachlosigkeit, scheinbare Sachlichkeit bei hoher Emotionalität, Handlungsunfähigkeit, mangelnde Aufnahmefähigkeit u. a.), denn nun müssen Frauen und Paare innerhalb kurzer Zeit eine in jeder Hinsicht unmögliche Entscheidung treffen: Für die Abtreibung eines meist erwünschten Kindes oder für das Austragen eines unerwünscht behinderten oder kranken Kindes (auch häufig bei Mehrlingsschwangerschaften). Sie müssen sich u. a. darüber klar werden,

  • welche Lebenschancen ihr Kind hat,
  • ob sie ihr Kind mit einer Beeinträchtigung annehmen können,
  • welche medizinischen Therapiemöglichkeiten und sozialen Hilfen zur Verfügung stehen,
  • welcher Pflegeaufwand auf sie zukommt und ob sie sich der Aufgabe gewachsen fühlen,
  • welche Belastung die Paarbeziehung aushalten kann,
  • ob eine Indikation zum Schwangerschaftsabbruch gegeben ist,
  • ob Abschied genommen werden muss…

Die psychosoziale Beratung kann hier zeitnah zur Diagnoseeröffnung Hilfe zur Verarbeitung des Schockerlebnisses anbieten und gegebenenfalls Krisenintervention leisten. Im Mittelpunkt der Beratung steht das Befinden und nicht in erster Linie der Befund. Sie bietet Paaren vor allem eine Bedenkzeit und den Raum, die Bedeutung der Diagnose zu erfassen und sich damit auseinanderzusetzen, sie lässt Raum die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, hilft durch sensible Gesprächsführung die Sprachlosigkeit zu überwinden und die persönlichen Ressourcen und Bewältigungsformen zu aktivieren. Wesentliche Zielsetzung der Beratung ist die Stärkung der Paarbeziehung und die Ermöglichung einer Auseinandersetzung mit den ethischen Fragen.

Nach einem Schwangerschaftsabbruch bietet die psychosoziale Beratung Begleitung bei der Bewältigung des Erlebten. Sie gibt Raum für Trauer um den Verlust des Kindes und unterstützt die Ratsuchenden darin, die „verlorene“ Schwangerschaft in ihr Leben zu integrieren. 

Die Beratungsanlässe, die Frauen und Paare veranlassen, sich Hilfe im Kontext vorgeburtlicher Untersuchungen zu suchen, und die erforderlichen Beratungsinhalte und Anforderungen an die psychosoziale Beratung sind hinlänglich bekannt.  Dennoch stellt sich hier seit Jahren die Frage, welcher Beratungsbedarf vor, während und nach Pränataldiagnostik sich tatsächlich abbilden würde, wenn Frauen/Paaren zu verschiedenen Zeitpunkten tatsächlich auf die Möglichkeit zur psychosozialen Beratung aufmerksam gemacht würden.

Bislang ist nicht ausreichend untersucht, in welcher Phase der Schwangerschaft der Beratungsbedarf von Frauen/Paare besonders hoch ist. Die Ergebnisse der aktuellen Studie der BZgA „Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik“, die einen geringen Kenntnisstand Schwangerer über Themen rund um Pränataldiagnostik konstatiert, legen nahe, dass der geringe Informationsstand der schwangeren Frauen die Folge eines wenig ausgeprägten Informationsinteresses ist. Dies sei möglicherweise darauf zurückzuführen, dass Themen um Pränataldiagnostik mit negativen Gefühlen verbunden seien und die Schwangeren sich aus „Selbstschutz“ nicht hiermit beschäftigen. Schwangerschaftsberatungsstellen machen ebenfalls die Erfahrung, dass Beratung vor PND bislang kaum in Anspruch genommen wird.

Die Datenlage der Bonner Evaluationsstudie von Rohde und Woopen  gibt Hinweise darauf, dass nach Pränataldiagnostik bei Diagnose eines pathologischen Befunds der Beratungsbedarf besonders hoch ist, weil es sich hierbei um eine besonders belastende Situation für die Betroffenen handelt. (Zu berücksichtigen ist hier jedoch auch die Auswahl der Studienteilnehmerinnen an der Universitätsfrauenklinik.)

Psychosoziale Beratung bei PND und die Notwendigkeit von Kooperationsstrukturen

Die Entwicklung der psychosozialen Beratung bei PND in den Beratungsstellen ist eng verknüpft mit der Auseinandersetzung, der Vernetzung und Kooperation mit dem medizinischen System der vorgeburtlichen Diagnostik und Therapie, in dem Frauen und Paare informiert, beraten und behandelt werden. Die psychosoziale Beratung im Kontext von PND ist zwar ein eigenständiges Beratungsangebot der Schwangerschaftsberatungsstellen, kann sich jedoch vernetzt mit Kooperationspartnern besser auf die Bedürfnisse der Ratsuchenden ausrichten und den Zugang zu ihren Angeboten verbessern. Die Kommunikation zwischen medizinischer Diagnostik einerseits und psychosozialer Beratung andererseits ist notwendige Voraussetzung für die Vereinbarung von gemeinsam getragenen Arbeitszielen.

Pränataldiagnostik ist zunächst eine genuin medizinische Domäne und die Beratung über Chancen und Risiken ebenfalls. So wundert es nicht, dass die meisten Frauen/Paaren ausschließlich von  ihren Ärzten beraten werden und die psychosoziale Beratung gar nicht kennen.  Ärztinnen und Ärzte beraten seit jeher zur pränatalen Diagnostik und haben starken Einfluss darauf, ob Frauen und Paaren auch eine psychosoziale Beratung aufsuchen. Sie haben dadurch eine wichtige Türöffner-Funktion und können vor allem bei der Bewältigung der Stresssituation eines pathologischen Befundes maßgeblich den Weg in die psychosoziale Beratung einleiten.

Bereits das Modellprojekt des BMFSFJ „Entwicklung von Beratungskriterien für die Beratung Schwangerer bei zu erwartender Behinderung des Kindes“ von 1998 bis 2001 beschrieb qualitativ die Beratungskriterien, die im Kontext von PND zum Tragen kommen. Der geplante Aufbau von Kooperationsstrukturen zwischen Pränatalzentren und Beratungsstellen sollte Frauen/Paaren den Zugang zur psychosozialen Beratung erleichtern. Der Kooperationsaufbau erwies sich in der Praxis jedoch als äußerst schwierig und die damit erhoffte Vermittlung von Frauen in die Beratung fand kaum statt. Das unverbundene Nebeneinander von Pränatalzentren/-medizinern und Beratungsstellen erschwerte die Zusammenarbeit und vor allem die Vermittlung der Frauen und Paare zur psychosozialen Beratung. Noch immer ist es nämlich vielerorts überwiegend dem Zufall überlassen, ob Frauen zur Beratung hinsichtlich der möglichen Folgen eines auffälligen Befundes den Weg in die psychosoziale Beratung finden. Einerseits empfehlen Ärzte den Frauen zu selten das psychosoziale Beratungsangebot, andererseits gehen aber auch Frauen, die vom Arzt zur Beratung vermittelt werden, „verloren“.

Um die Diagnostik mit der psychosozialen Beratung enger zu verzahnen wurde das Modellprojekt des Landes NRW in den Jahren von 2001 bis 2004 von Anfang an darauf angelegt, dass die psychosoziale Beratung der beteiligten Beratungsstellen vor Ort in den Pränatalzentren stattfand. Auf diese Weise standen die  Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen im pränataldiagnostischen Zentrum mit dem dortigen Fachpersonal in Kontakt und durch die räumliche Nähe konnte die Akzeptanz und eine hohe Inanspruchnahme der psychosozialen Beratung erreicht werden. Die aktuelle Studie an der Bonner Universitätsfrauenklinik zur Evaluation der psychosozialen Beratung im Kontext von PND wurde z. B. erst möglich durch die direkte Anbindung der Beratungsstellen an die beteiligten Kliniken/Zentren.

Auch das bei der heutigen Tagung vorgestellte Modellprojekt „Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“ zielt auf eine regionale Kooperation der beteiligten Professionen im Kontext von PND ab, die mittelbar der qualitativen Verbesserung der Beratungssituation für die Betroffenen dienen kann.

Die interessante Frage bei allen Modellprojekten ist, inwieweit sich die interprofessionelle Zusammenarbeit über die Projektphase hinaus längerfristig etablieren oder ausweiten lässt und sowohl die beteiligten Pränatalmediziner, Beraterinnen und andere Professionelle als auch die Schwangeren dauerhaft hiervon profitieren können.

Die Kooperation der psychosozialen Beratung mit der Pränatalmedizin ist immer wieder darauf hin zu überprüfen, ob die Eigenständigkeit der Beratung wirklich gewahrt ist und inwieweit die eigenen Ziele in der Zusammenarbeit realisiert werden können.

Perspektiven- Zukunft der psychosozialen Beratung im Kontext von PND

Die Anwendung vorgeburtlicher Diagnostik erzeugt in letzter Konsequenz regelmäßig  schwere und belastende Entscheidungskonflikte, die zum einen professionell begleitet werden müssen, bei denen aber auch zum Schutz des ungeborenen Kindes und der schwangeren Frau alle Möglichkeiten der Konfliktlösung durchdacht werden müssen. Aus diesem Grund fordert z. B. der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), dass die Empfehlung einer unabhängigen psychosozialen Beratung zum Qualitätsstandard ärztlichen Handelns werden muss.

Die Verbände der freien Wohlfahrtspflege mit ihrer Erfahrung in der Schwangerschaftsberatung weisen schon lange darauf hin, dass die psychosoziale Beratung im Kontext von PND frühzeitiger als erst nach der Diagnoseeröffnung anzusetzen ist. In der Beratung vor der etwaigen Inanspruchnahme von PND können Frauen und Paare sich ohne Handlungsdruck mit einer möglicherweise diagnostizierbaren Behinderung ihres Kindes und der Bedeutung für das Familienleben auseinandersetzen. Zwar sind vor der Diagnostik die Hoffnungen und Ängste, die mit PND verbunden werden weniger konkret als im Augenblick, wenn eine Diagnose im Raum steht. Wer sich jedoch im Vorfeld mit PND auseinandergesetzt hat, fühlt sich im Falle einer notwendigen Entscheidung besser vorbereitet.

Seit langem wird gefordert, dass Beratung bei PND frühzeitiger erfolgen muss um möglichen unvorgesehenen Konflikten vorzubeugen und auch um das Leben des ungeborenen Kindes zu schützen. Bereits 2005 wurde in den Anträgen der im Bundestag vertretenen Parteien in der Debatte um die Vermeidung von Spätabtreibungen der Ausbau des frühzeitigen psychosozialen Beratungsangebots gefordert. Die Verbände und Träger der Schwangerschaftsberatungsstellen haben darauf reagiert und halten ein qualifiziertes Beratungsangebot vor. Allein die Nachfrage nach dieser Beratung ist zögerlich und es stellt sich die Frage, wie die Motivation zur Inanspruchnahme erhöht werden kann. Die Zurückhaltung von Frauen, Beratung aufzusuchen, scheint zum Teil darauf zurückzuführen zu sein, dass PND ein „Stressthema“ in der Schwangerschaft darstellt, mit dem frau/man sich erst auseinandersetzen will, wenn es nicht zu umgehen ist. Nach wie vor ist die Beratung vor der Diagnostik jedoch vor allem bei den behandelnden Medizinern verortet, die aus ihrer Rolle heraus keine behandlungsunabhängige Beratung leisten können.

Die Stimmen zur Etablierung einer informativen Beratung vor PND werden lauter. Aktuell hat das Sozialministerium in Baden-Württemberg nach einer Großen Anfrage im Landtag verlautbart, sich dafür einzusetzen, eine räumlich, zeitlich und personell getrennte „frühzeitige Schwangerschaftsinformation“ vor PND zu Beginn der Schwangerenvorsorge einzurichten und mit der medizinischen Beratung und Aufklärung enger zu verzahnen.   Die Frage, wie diese Beratung, die auch integrativer Bestandteil der ärztlichen Beratung sein sollte, in die Schwangerschaftsberatungsstellen verlagert werden kann, ist dabei noch zu diskutieren.

Innerhalb unseres Verbandes wird diskutiert, die notwendige Auseinandersetzung mit den Zielen und Konsequenzen der PND stärker als bislang in die Bewusstseins bildende schulische Präventionsarbeit der Beratungsstellen mit aufzunehmen. Das hätte den Vorteil, dass junge Menschen sich bereits vor der Familiengründungsphase und unabhängig von einer bestehenden Schwangerschaft mit den Fragen der vorgeburtlichen Diagnostik und dem gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung Gedanken machen können und auch über die Beratungsmöglichkeiten informiert werden können.

Schlussbemerkung - Grenzen der psychosozialen Beratung

Bei allem, was die psychosoziale Beratung dazu beitragen kann, dass Frauen und Männer mit der PND nicht unvorbereitet in schwere ethische Konflikte gestürzt werden und dass sie Hilfen anbietet, wo dies doch geschieht, so kann sie eines nicht leisten: Beratung kann nicht bzw. nur bedingt die Angst vor Behinderung und den damit verbundenen Einschränkungen mildern und sie kann das Dilemma der Spätabtreibungen nicht lösen, nicht auf individueller und auch nicht auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Sie versteht sich als Prozessbegleitung, Entscheidungshilfe und konkrete Unterstützung und dies nicht in erster Linie zur Begleitung bei Spätabbrüchen, sondern vielmehr dort, wo PND Einfluss auf das Schwangerschaftserleben nimmt und für die Betroffenen Fragen aufwirft oder sie vor Entscheidungszwänge stellt.

Fußnoten

1 Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik – Repräsentative Befragung Schwangerer zum Thema Pränataldiagnostik, BZgA 2006

2 ebda. S. 50, Die Studie belegt, dass Frauen sich bei Befund zwar gut bis sehr gut von Pränatalmedizinern über die Art und die mögliche Ursache der Entwicklungsstörung oder Anlage für Erkrankung informiert fühlen, jedoch die ärztliche Beratung hinsichtlich der möglichen Folgen für sie selbst und ihre Familie und auch die Vorbereitung auf ein Leben mit einem behinderten oder kranken Kind schlecht bewertet wird. 

3 Institutionelle Beratung im Bereich der Erziehungsberatung, Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Partnerschafts- und Sexualberatung, Deutscher AK für Jugend-, Ehe- und Familienberatung 1993

4 siehe Lammert et al., Psychosoziale Beratung in der Pränataldiagnostik- Ein Praxishandbuch, 2002, S. 71 ff

5 Vgl. A. Rohde/C. Woopen: Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik – Evaluation der Modellprojekte in Bonn, Düsseldorf und Essen, 2007

6 Vgl. A. Rohde/c. Woopen: Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik – Evaluation der Modellprojekte in Bonn, Düsseldorf und Essen, 2007

7 Antwort auf die Große Anfrage der Fraktion der CDU im Landtag von Baden-Württemberg 12/2006 Verstärkter Schutz des Lebens: Kritische Betrachtungen zur Praxis der PND und bei Abtreibungen, Antwort der Landesregierung 03/2007

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Perspektiven der psychosozialen Beratung im Kontext von PND (9 Seiten, 20 kB)
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Gisela Pingen-Rainer
Referat Frauen und Familien
Sozialdienst kath. Frauen – Zentrale, Dortmund