Bianka Mohn:
Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik
Referat

 - Umsetzungsmöglichkeiten -

Stellungnahme aus Sicht der psychosozialen Beratungspraxis


Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Bianka Mohn; ich bin Diplom Psychologin und arbeite als Beraterin in der Schwangerschaftsberatungsstelle des DRK Kreisverbandes Nordwestmecklenburg in Grevesmühlen. Ich war von Januar 2005 bis Dezember 2006 als Moderatorin im Modellprojekt IQZ in Schwerin tätig.

Die Stellungnahme aus Sicht der psychosozialen Beratungspraxis zu den Hand-lungsempfehlungen, die im Rahmen  des Modellprojektes der IQZ Arbeit entwickelt wurden, die Stellungnahme heute, gebe ich jedoch in Vertretung für Frau Hanna Geier ab, der es aus terminlichen Gründen leider nicht möglich ist an dieser Tagung teilzunehmen, und die ich an dieser Stelle deshalb entschuldigen möchte. Frau Geier ist die zuständige Referentin für Schwangeren- und Familienhilfe im Bundesverband des Deutschen Roten Kreuzes und dort auch zuständig für die Aus-, Fort- und Weiterbildung, also zuständig für die Qualifikation der Beraterinnen, die in Schwangerschaftsberatungsstellen tätig sind.

Schon seit geraumer Zeit setzt sich das DRK gemeinsam mit den anderen Wohlfahrtsverbänden als Träger von Schwangerschaftsberatungsstellen für mehr Aufklärung und Information ein, und die Wohlfahrtsverbände haben in diesem Zusammen-hang in Kooperation mit der BzgA auch bereits verschiedene Medien, insbesondere zur Bekanntmachung des Rechtanspruches auf freiwillige Beratung gemäß § 2 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) erstellt. Pünktlich zu dieser Tagung ist jetzt die gemeinsame Broschüre „Pränataldiagnostik – Informationen über Beratung und Hilfen bei Fragen zu vorgeburtlichen Untersuchungen“ erschienen, die zukünftig kostenfrei und bundesweit von der BzgA verteilt werden wird. 

Kooperation  zwischen den Berufgruppen stärken

Die Erfahrungen der Beratungsstellen, wie auch die Ergebnisse des im Mai 2001 abgeschlossenen Bundesmodellprojektes „Entwicklung von Beratungskriterien für die Beratung Schwangerer bei zu erwartender Behinderung eines Kindes“ hat gezeigt, dass der partnerschaftliche Umgang von Ärzteschaft, Hebamme und Beraterinnen aus den Schwangerschaftsberatungsstellen, sowie Mitarbeitenden in der Behindertenhilfe im Interesse der Frauen/Paare verstärkt werden muss. Betroffene Frauen/Paare benötigen Zeit und Raum, um Perspektiven zu entwickeln, sie brauchen Ermutigung und Stärkung ihrer Eigenverantwortlichkeit. In ihrem  Interesse gilt es, die interdisziplinäre Kooperation und Vernetzung zwischen der medizinischen und der psychosozialen - jedoch auch behandlungsunabhängigen Beratung - zu verstärken.

Insgesamt sind daher die an den sechs Standorten erarbeiteten Handlungsempfehl-ungen der interprofessionellen QZ zur Verbesserung  der Unterstützungsangebote und Hilfen für schwangere Frauen/Paare sehr zu begrüßen und auch weiterzuführen.

Denn: Wie die Ergebnisse des IQZ verdeutlichen, ergänzen sich die medizinischen und psychosozialen Beratungsangebote sehr gut und es besteht auch ein  hohes Interesse beider Berufsgruppen an einer fachübergreifenden Zusammenarbeit. Und noch etwas ist festzustellen: Neben der günstigen Ausgangsbedingung (nämlich der Bereitschaft!) zur fachübergreifenden Kooperation ist auch ermittelt worden, dass es durchaus Unterschiede in der Einstellung gegenüber PND und Unterschiede in der Beratungshaltung gibt.  Die Einstellung zur PND (insbesondere was die Bedeutung medizinischer Vorbefunde für die Durchführung einer invasiven Diagnostik anbetrifft!)  hat weniger etwas mit der Zugehörigkeit zur jeweiligen Berufsgruppe zu tun, als viel-mehr etwas mit dem Geschlecht der Fachperson. Hierbei ist auffällig, dass sich die Berufsgruppe der Beraterinnen im QZ überwiegend aus Frauen zusammensetzt und die Arztgruppe zur Hälfte aus Frauen und Männern. Die empirischen Ergebnisse  zur Ausgangssituation dieses Modellprojektes wurden in der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes mit Hilfe von Selbst- und Fremdwahrnehmungsbögen beider Berufgruppen erfasst und liegen auch ausgewertet vor¹.

Qualifikation  für die Beratung zu PND

Spätestens seit der Neufassung des § 218 / 219 StGB, der Abschaffung der embryo-pathischen Indikation, der Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der Diagnose-techniken, der Zunahme der Inanspruchnahme der vorgeburtlichen Untersuchungen durch den Automatismus der Anwendung von Diagnosemethoden in der Schwange-renvorsorge und dem Rechtsanspruch nach § 2 (SchKG) auf freiwillige Beratung beteiligen sich die Wohlfahrtsverbände an dem öffentlichen Diskurs um die Pränataldiagnostik und den selektiven Charakter.

Gerade vor dem Hintergrund des Rechtsanspruches auf freiwillige Beratung im Zu-sammenhang von PND haben sie als Träger der Schwangerschaftsberatungsstellen auch ihr Anforderungsprofil und die Qualifikation der Fachkräfte weiterentwickelt. Mittlerweile bieten fast alle Träger Zusatzqualifikationen für Beratung zu PND unter folgenden Gesichtspunkten an:

  • Medizinisches Fachwissen über Verfahrenseisen und Aussagekraft
  • Konsequenzen von PND, Risiken und Nebenwirkungen
  • Sozialmedizinisches Wissen: Kenntnis über Behinderungen und das Leben  mit Behinderungen, gesellschaftlicher Umgang und Bewertungen
  • Soziale Kompetenz: Kenntnis über Lebenswelt von Frauen mit den Bereichen Recht, Gesundheit, Familie, Partnerschaft, Arbeitsbedingungen
  • Psychologische Kompetenz: Gesprächsführung, Selbsterfahrung, Empathie, Wertschätzung in Bezug auf Schwangerschaft und Mutterschaft
  • Interdisziplinäre Kooperation
  • Kennen der eigen fachlichen und persönlichen Grenzen
  • Auseinandersetzung mit WERTEN und NORMEN, mit Leben und Tod.

Auch im Rahmen von Qualifikation spielt der interprofessionelle Fachaustausch eine große Rolle. So hat das DRK bereits eine dreiteilige Zusatzqualifikation gemeinsam mit dem Bund Deutscher Hebammen angeboten und bei der Durchführung der Mo-dule sehr gute Erfahrungen gemacht. Darüber hinaus erscheint es notwendig, die für das Themenfeld PND  nötigen Kompetenzen in die Ausbildung aller beteiligten Be-rufsgruppen zu integrieren.

Handlungsempfehlungen und deren Bedeutung aus Sicht der psychosozialen Beratungspraxis

Ich komme jetzt auf die Handlungsempfehlungen zu sprechen. Ich möchte hier be-vorzugt auf die Empfehlungen eingehen, die  Arzt/ Ärztin und Beraterinnen beide al-so gleichermaßen betreffen.

Zuerst kommentiere ich die allgemeinen Empfehlungen, die für eine ganzheitliche und kooperative Schwangerenbetreuung entwickelt wurden:

1. Grundsätzlich eine Erklärung zur Entbindung der Schweigepflicht unterschreiben lassen
Die Patientin/ Ratsuchende wird in die Kooperation der beiden Berufsgruppen mit eingebunden, die Patientin/Ratsuchende den Arzt und die Beraterin von der Schweigepflicht entbindet. Dies erscheint sinnvoll und erforderlich, um so den Prozess optimaler zu gestalten. Rücksprachen zwischen den Fachkräften, die beteiligt sind, werden so „schneller“ (gemeint ist unkomplizierter) und leichter möglich. Auch können, wenn die Ratsuchende damit einverstanden ist, die psychosozialen und medizinischen Beratungsgespräche gemeinsam geführt werden. Dies erscheint gerade dann wichtig, wenn es sich bei der Patientin/Ratsuchenden um eine sog. Risikoschwangere handelt und die sich damit bereits in einer Konfliktsi-tuation befinden kann.

2. Patientin/ Ratsuchenden Raum und Zeit für eigene Anliegen, Zweifel, Ängste und Entscheidungsfindungen geben
Die Patientin/Ratsuchende darf zu keiner Zeit in ihrer Entscheidungsfindung „unter Druck“ gesetzt werden. Sie darf trotz des bestehenden äußeren Zeitrahmens innerhalb der angewendeten Diagnoseverfahren nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass eine schnelle Entscheidung notwendig sei. Im Gegenteil: Hier sind  beide Berufsgruppen aufgefordert, auf eine möglicherweise aufgetretene Verengung des Zeitrahmens sensibel zu reagieren. Es ist immer besonders darauf zu achten, das trotz des Zeitmangels auch Raum für ambivalente Gefühle gegeben wird.

3. Eigenverantwortlichkeit und Autonomie der Patientin/ Ratsuchenden stützen
Das Angebot der vorgeburtlichen Diagnostik birgt in sich Konflikte auf unterschiedlichen Ebenen. Dementsprechend wichtig für beide Berufsgruppen ist es, diese Ebenen und die daraus entstehenden Konflikte und Ambivalenzen zu erkennen und den Ratsuchenden anhand ihrer eigenen Ressourcen eigenverant-wortlich in ihrer Entscheidung zu unterstützen. Auch die Nicht-Inanspruchnahme der PND muss als eigenverantwortliches Handeln respektiert werden. Das zum Teil übergroße Verantwortungsgefühl für die Belange der Patientin aber auch das Bedürfnis nach Einflussnahme auf die „richtige“ Entscheidung der Ratsuchenden muss von beiden Berufsgruppen kritisch reflektiert werden.

4. Beratungsprozess soll möglichst non - direktiv gestaltet werden und zu einer tragfähigen Entscheidung führen.
Sowohl Ärzte als auch Beraterinnen haben den Anspruch  im Zusammenhang mit PND nicht direktiv und ergebnisoffen zu beraten. Die bedingungslose positive Wertschätzung gegenüber der Patientin/Ratsuchenden kann in der Beratung verschiedene Interaktionsformen annehmen. So gehört das vorbehaltslose An-nehmen des von der Patientin/ Ratsuchenden Ausgedrückten dazu, das Ermutigen der Ratsuchenden oder z.B. an Angst leidenden Patientin/Ratsuchenden ist ebenso eine Grundform des bedingungslosen Wertschätzens wie das Ausdrücken von Solidarität mit der Patientin/ Ratsuchenden.

5. Auf mögliche Schnittstellen zu anderen Berufsgruppen achten.
Beide  Berufsgruppen sollen engen fachlichen Kontakt zu Hebammen, Kinderärzten, Humangenetikern, aber auch zu Mitarbeitenden in der Behindertenhilfe, insbesondere zu den Frühförderstellen und Selbsthilfegruppen haben. Eine Intensivierung der Kooperation und gute Kontakte mit den soeben genannten Berufsgruppen, erleichtert das Verweisung der Patientin/Ratsuchenden, wenn dies ge-wünscht und/oder erforderlich erscheint.

Und nun noch zu den entwickelten Handlungsempfehlungen, nach einem auffälligen Befund:

6. Konkrete Konsequenzen von auffälligen Befunden ansprechen und umfas-send  darstellen (Behandlungsmöglichkeiten, Krankheitsbild, Unterstützungs-möglichkeiten, Folgen für Kinderwunsch, Paarbeziehung, Familie)
Das Angebot von Beratung und Unterstützung ist zu differenzieren je nach Anfrage und Problemlage der Patientin/Ratsuchenden. Die Lebensrealität schwangerer Frauen und ihrer Partner, die Schwerpunktsetzung und der beraterische Spielraum sind vor, während und nach der Inanspruchnahme vorgeburtlicher Untersuchungen unterschiedlich. Frauen und Männer sollen dazu ermutigt werden, kriti-sche Fragen an die Medizin, wie auch an die Beraterinnen zu richten und sich so im Vorfeld von Entscheidungen die Informationen zu vorgeburtlichen Untersuchungen zugänglich zu machen, die sie brauchen. Hier kann Konfrontation mit der medizinischen Seite vermieden werden, in dem die Fachkräfte in den konkreten „Fällen“ miteinander kommunizieren und sich austauschen.

7. Kontakt mit anderen Betroffenen oder Selbsthilfegruppen
Beide Berufsgruppen beziehen diese für die Patientin/Ratsuchende  wichtigen Personengruppen, die über eigene Erfahrungen verfügen und/oder Kenntnisse über Behinderungen, den gesellschaftlichen Umgang und Bewertungen haben in jedem Fall in ihre Arbeit mit ein; es ist sinnvoll, dass sowohl Ärzte als auch Beraterinnen geeignete AnsprechpartnerInnen in der Region benennen können.

8. In den Kliniken Rituale zum Abschiednehmen schaffen und aktiv anbieten.
Der Trauerprozess braucht Aufmerksamkeit und Zeit. Der persönliche Verlust und Umgang mit der Trauer muss verkraftet werden. Ärzte und Beraterinnen sollten gemeinsam Überlegungen für ein Ritual entwickeln, um eine entsprechende Situation professionell zu begleiten.

Abschließend  erlauben Sie mir bitte noch eine ganz grundsätzliche  Einschätzung zu den Handlungsempfehlungen: 
Aus Sicht der psychosozialen Beratungspraxis wäre die niedrigschwellige Bekanntmachung des Rechtsanspruches auf Beratung (Rechtsanspruches nach § 2 SchKG) im Mutterpass² jedoch am wirkungsvollsten. Wirkungsvoll vor allem für die medizinische Beratung, denn durch dieses Instrument würden alle schwangeren Frauen frühzeitig (von Beginn einer Schwangerschaft) schon darüber informiert, dass sie psychosoziale Beratung, ergänzend zur medizinischen Beratung in Anspruch nehmen können, wenn sie es wünschen.  Für die Mediziner würde der Eintrag im Mutterpass die Arbeit erheblich erleichtern, denn so könnten sie die psychosoziale Beratung von Anfang mit „ins Boot“ nehmen und das Bescheidwissen über psychosoziale Beratungsangebote würde „ganz natürlich“ zur Selbstverständlichkeit.

Durch die Einbeziehung von Beratungsangeboten zu diesem frühen Zeitpunkt würde auch das eigene Schwangerschaftserleben der Frau wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden.

Die schwangere Frau/ Patientin per Mutterpass zu informieren - dies wäre wirklich ein Brückenschlag zwischen den Berufsgruppen und würde die Interprofessionali-tät und Aktivitäten zur Kooperation und Vernetzung im Bereich von Pränataldia-gnostik und psychosozialer Beratung ein gutes Stück voran bringen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Fußnoten

¹ Kuhn R., Riehl- Emde A., Gute Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten und psychosozialen Fachkräften in der Beratung zur Pränataldiagnostik - Empirische Ergebnisse zur Ausgangssituation eines Modellprojekts

² Damaliger Vorschlag der Verbände für einen Eintrag in den Mutterpass „Ihr Arzt und/oder Ihre Hebamme stehen Ihnen für alle Fragen der Schwangerschaft zur Verfügung. Sie haben auch das Recht, sich in allen Schwangerschaftsfragen bei einer hierfür vorgesehenen Beratungsstelle beraten zu lassen. Anschriften erhalten Sie über die Wohlfahrtsverbände oder das örtliche Gesundheitsamt.“

Bianka Mohn
Bianka Mohn ist Diplom-Psychologin, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin und seit 1991 Leiterin der DRK-Schwangerschaftsberatungsstelle in Grevesmühlen, Nordwestmecklenburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung, Partnerschafts- und Familienberatung und Sexualpädagogik. Sie ist Moderatorin im Interdisziplinären Qualitätszirkel Pränataldiagnostik.mehr